FAZ 10.09.2026
10:39 Uhr

Ghostwriting: Eine Bestsellerautorin, die niemand kennt


Beim Erstellen von Autobiographien Prominenter helfen oft Co-Autoren. Denn nicht jeder, der etwas erzählen will, findet die richtigen Worte. Wie es sich anfühlt, einen großen Teil der Arbeit zu leisten, ohne den Ruhm zu ernten.

Ghostwriting: Eine Bestsellerautorin, die niemand kennt

Am Anfang steht die Klärung eines bekannten Begriffs. Mara Pfeiffer ist kein namenloser Geist und hat auch nicht vor, einer zu werden. Als „Ghostwriterin“, also eine Unbekannte, mit deren literarischen Federn sich eine andere Person schmückt, will sich die 47 Jahre alte Journalistin und Autorin nicht bezeichnen. Sie mag den Begriff Co-Autorin. Drei Autobiographien hat die Wiesbadenerin in den vergangenen vier Jahren geschrieben; gemeinsam mit der deutschen Ausnahmefußballspielerin und ehemaligen Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft, Alexandra Popp, mit dem frisch gekürten Europameister und deutschen Rekordhalter im Marathon, Amanal Petros, und zuletzt mit der mehrfachen Weltmeisterin im Tischfußball, Linh Tran, deren Autobiographie am 2. September erschienen ist. Dass sie in allen drei Büchern als Verfasserin genannt wird, findet sie wichtig und richtig. „Es gibt so viele Schritte im Entstehen eines Buches, die eine Wertschätzung verdient haben. Das ist der eine Grund, warum ich nie als klassische Ghostwriterin arbeiten würde“, sagt sie. „Der andere Punkt ist, dass ich es ehrlicher finde. Überall dort, wo etwas geschrieben wird, tut uns gerade in diesen Zeiten Ehrlichkeit sehr gut.“ Co-Autoren müssen sich fremden Sprachstil aneignen Auf einem eigenen Regalbrett in ihrem Arbeitszimmer stehen die elf Bücher, die sie seit 2013 geschrieben hat. Das letzte Werk, an dem sie alleine gearbeitet hat, war gleichzeitig ihr Einstieg in das Thema Biographie: ihr Buch über das Leben von Trainerlegende und „Fußballrevolutionär“ Wolfgang Frank. 2013 starb der ehemalige Fußballlehrer des 1. FSV Mainz 05, den der neue Bundestrainer Jürgen Klopp als seinen Mentor bezeichnet. Frank wurde 62 Jahre alt. „Ich konnte also nicht mehr mit ihm sprechen und habe für diese klassische Biographie mehr als 80 Personen aus seinem Umfeld interviewt“, sagt Pfeiffer. Auch als Co-Autorin hat sie diese Herangehensweise beibehalten. „Es ist mir sehr wichtig, auch mit Menschen aus dem Umfeld der Personen zu sprechen, in deren Namen ich schreibe“, sagt Mara Pfeiffer. Zur Recherchearbeit gehöre auch, Zeit mit den Porträtierten zu verbringen. „Ich versuche immer, auch die Orte kennenzulernen, die für die Perspektive der Person wichtig sind. Ich will die richtigen Bilder im Kopf haben“, sagt Pfeiffer. So war sie mit Alexandra Popp einen Tag lang in Wolfsburg unterwegs; war im Tierpark, in dem sie ihre Ausbildung gemacht hat, im Stadion und in der Geschäftsstelle ihres Vereins VfL Wolfsburg. Außerdem habe Popp ihr auch ihr Zuhause gezeigt, habe sie nah an sich herangelassen. Pfeiffers akribisches Arbeiten zahlt sich aus – ihre erste Autobiographie gemeinsam mit Alexandra Popp landete direkt auf der Bestsellerliste des „Spiegel“. Alexandra Popp, Amanal Petros, Linh Tran – Menschen mit unterschiedlichem Alter, kulturellem Hintergrund und Geschlecht. Und für jede und jeden muss die Biographin in der Ich-Erzählung die authentische Sprache finden. Wie gelingt das? „Den Ton dieser Personen zu treffen, ist tatsächlich das, was mir am wichtigsten bei dieser Arbeit ist. Das unterscheidet schließlich eine Autobiographie von der Biographie“, sagt Mara Pfeiffer. Vertrauen der Protagonisten als Grundvoraussetzung Dabei helfen die vielen Gespräche, die sie mit den Menschen führt. „Wenn ich jemandem 60 bis 80 Stunden zuhöre und die Unterhaltungen noch ein zweites Mal vom Band abhöre, um sie zu transkribieren, dann habe ich diese Person sprichwörtlich im Ohr“, sagt Pfeiffer. Trotzdem bestehe immer die Gefahr, dass sich sprachliche Eigenarten und Vorlieben der Autorin einschleichen. „Bevor ein Text ins Lektorat geht, lektoriere ich mich sehr streng selbst und achte vor allem auf solche Feinheiten“, sagt Pfeiffer. Sie mag zum Beispiel sehr gern das Wort „derweil“. Als sie im Text von Amanal Petros darüber stolpert, fragt sie sich: Hat er das wirklich so formuliert? „Nein, hat er nicht“, sagt Pfeiffer und lacht. Sie hat das Wort gestrichen. Wer wochenlang mit Menschen über persönliche Erlebnisse und Empfindungen spricht, kommt ihnen trotz einer professionellen Distanz sehr nah. Auf der Seite der Protagonisten setzt das eine Menge Vertrauen voraus. Wie gelingt es aber, dass sich die Menschen überhaupt öffnen? „Es ist immer komisch, so etwas über sich selbst zu sagen, aber ich glaube in dem Fall schon, dass meine Empathie eine Superkraft ist“, sagt Pfeiffer. Dass sie damit nicht übertreibt, bezeugen die Dankesworte, die Popp, Petros und Tran in ihren Büchern an ihre Co-Autorin Mara Pfeiffer richten. Die Chemie zwischen der Co-Autorin und den Porträtierten müsse stimmen, sagt Pfeiffer. „Man verbringt schließlich viel Zeit miteinander, und ich verbringe beim Schreiben außerdem gedanklich noch mal Zeit mit der anderen Person, ohne dass sie überhaupt da ist. Da müssen wir schon harmonieren.“ Ob Künstliche Intelligenz in diesem Genre angesichts des Aufwands künftig eine Konkurrenz für sie sein könnte, darüber möchte sich Mara Pfeiffer nicht den Kopf zerbrechen – auch wenn sie eine dezidiert kritische Haltung zur KI und deren Auswirkungen auf ihre Branche und viele andere Berufe hat. „Es bringt ja nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Wenn Verlage mit KI arbeiten möchten, dann muss ich das akzeptieren. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Kreativität, die zwischen zwei Menschen bei der Arbeit an einer solchen Autobiographie entsteht, auch nicht im Ansatz durch KI ersetzt werden kann“, sagt sie. Aufgrund verlagsinterner Abläufe war die Zeitvorgabe für das jüngste Buch recht sportlich. Vorgegebene Abgabetermine empfindet sie auch als größte Herausforderung ihres Jobs als Co-Autorin. Nicht etwa, weil sie kein Ende finden könnte. „Ich arbeite grundsätzlich sehr strukturiert“, sagt sie. Es sei vielmehr ihr Dasein als Freiberuflerin mit unvorhergesehenen Aufträgen und Entwicklungen, das zeitliche Planungen durcheinanderbringen könne. Pfeiffers Terminkalender ist mit Podcasts, Moderationen und journalistischen Themen gut gefüllt. Das Thema Autobiographie lässt sie aber nicht mehr los. Aktuell arbeitet sie im Auftrag des Verlags Droemer Knaur mit einem Autor an der Entstehung seines Buches. „Ich begleite und unterstütze diesen Prozess sehr eng, darauf bin ich gespannt“, sagt Pfeiffer. Die Autobiographie von Amanal Petros ist erst vor wenigen Wochen erschienen. Auf ihrem Instagram-Kanal @wortpiratin packt Pfeiffer in einem Videoclip freudig die ersten Exemplare aus. Manchmal werde sie gefragt, ob sie das Gefühl von Stolz zulassen könne, obwohl nur die wirklich aufmerksamen Leser von ihrem Mitwirken erfahren. „Klar ist es schade, wenn ich nicht auf dem Cover stehe, sondern nur auf der Aufschlag- oder Rückseite als Co-Autorin genannt werde. Aber natürlich ist das auch mein Buch“, sagt Mara Pfeiffer. Gut möglich aber, dass die Frau, die kein Geist sein möchte, bei künftigen Autobiographieprojekten darauf achten wird, dass ihr Name auch auf dem Buchtitel erscheint.